Von Nähe und Distanz

Gedanken zur Landtagswahl in Thüringen

Nun ist es zu Ende, das Superwahljahr in Thüringen. Drei Wahlen sind absolviert und von Ergebnis zu Ergebnis und von Umfrage zu Umfrage deutete sich bereits an, was dann am Wahltag der Landtagswahl ab 18.00 Uhr zur Gewissheit und heute nun amtlich bestätigt wurde.

Ich bin schockiert über das Wahlergebnis. In einer Demokratie wählen zu dürfen, heißt offensichtlich nicht zwangsläufig, dass man Demokraten wählt. Die Wählerinnen und Wähler, die sich so entschieden haben, das sind keine Abgehängten, das sind keine Menschen, deren Lebensstil in irgendeiner Weise von Flüchtlingen bedroht wird. Hier kommen diffuse Ängste und ein allgemeiner Frust auf „die Politik“ und auf „die da oben“ mit dumpfe Parolen zusammen. Man meint, es „denen“ mal richtig zeigen zu können.

Das Dumme dabei: Dass die vermeintliche Alternative nicht die Lösung irgendeines der Thüringer Probleme ist, ahnen glaube ich selbst die meisten derer Wähler. Es interessiert sie aber nicht. Zu stark ist die Verdrossenheit auf „die Etablierten“. Und auch die beständigen und tapferen Warnungen vor einem Rechtsruck und der Gefährdung der Demokratie verhallen in unseren eigenen Echokammern.

Soweit. Und nun?

Wie weiter in Thüringen und wie umgehen mit dem Wahlergebnis? Und vor allem, was kann man daraus lernen?

In der sozialen Arbeit gibt es einen Grundsatz, den Sozialpädagogen sehr früh in ihrem Studium lernen und in der Praxis möglichst beherzigen sollten: das sogenannte dialektische Verhältnis von Nähe und Distanz. In der sozialen Arbeit braucht es Nähe zum Klienten, um Empathie und Mitgefühl aufbauen zu können, um zu verstehen, was die Probleme sind und um Vertrauen herzustellen. Gleichzeitig braucht es professionelle Distanz, um einen Schritt zurücktreten zu können und so einen besseren Blick für Lösungen zu haben. Und – und auch das ist wichtig – um sich nicht selbst kaputt zu machen.

Was hat das mit der Wahl zu tun?

Das Wahlergebnis in Thüringen ist bei näherem Hinsehen nicht so eindeutig, wie man denkt. Es gibt Paska, einen Ort im Saale-Orla-Kreis, wo 60 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner AfD gewählt haben. Und es gibt aber auch Gotha, wo ein Matthias Hey das Direktmandat für die SPD holte. Oder Erfurt-Nord, wo Karola Stange wiederholt das Direktmandat für DIE.LINKE errang.

Ein differenzierter Blick lohnt sich. Was macht ein Matthias Hey in seinem Wahlkreis anders? Er ist präsent. Er engagiert sich für und in seinem Wahlkreis und seine Wählerinnen und Wähler. Auch Karola Stange ist in ihrem Wahlkreis bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Aber nicht nur das. Auch sie ist ansprechbar, kümmert sich tatsächlich um die Probleme der Menschen, unterstützt soziale Einrichtungen, wo es nur geht. Die Menschen in Ihrem Wahlkreis dankten es am Ende mit über 5.600 Stimmen und damit mit einem erneuten Direktmandat.

Und Paska? Ganz offen. Ich kenne den Ort nicht. Niemand hat sich vor der Wahl für Paska interessiert. Das war aus Sicht der bürgerlichen Parteien sicherlich ein Fehler. Jetzt berichten alle Medien über das Wahlergebnis, wundern sich und bringen den Ort auf der Suche nach Erklärungsmustern bundesweit in die Schlagzeilen. Doch genauso schnell, wie diese Schlagzeilen geschrieben sind, wird auch das Interesse an Paska wieder erlöschen. Und das ist für mich ein wesentlicher Kern des Problems.

Politik, die nur distanziert erlebt wird, aus Erfurt oder aus Berlin, wirkt befremdend und wird abgelehnt. Besonders dann, wenn es um unangenehme Dinge geht. Dagegen gibt es etwa in der Kommunalpolitik ganz viele Beispiele, wo Bürgermeister oder Landräte mit Traumergebnissen von 90 Prozent wiedergewählt werden. Auch hier kann man wieder den Bezug zur sozialen Arbeit herstellen: Nur, wenn mir der Klient vertraut und wir eine belastbare Beziehung haben, wird er auch bereit sein, unangenehme Wahrheiten und Vorschläge von mir anzuhören.

Ich glaube, wir brauchen deshalb eine Rückbesinnung der Politik auf die menschliche Ebene vor Ort. Wir brauchen Politiker, die verstehen, dass Paska eben anders tickt, als Erfurt und Berlin und dass die Menschen dort anders angesprochen und abgeholt werden wollen.

Und wir brauchen Politiker, die eben auch vor Ort sind und dort wahrgenommen werden. Viel zu oft erlebe ich leider, dass auch wir kurz vor der Wahl angerufen werden, um Pressetermine für Politiker in Kindergärten und Pflegeheimen zu organisieren. Wir machen das gern, es nützt aber nichts. Die Menschen und auch die Medien haben ein sehr feines Gespür für den Unterschied zwischen glaubwürdiger politischer Arbeit und Wahlkampfgeplänkel. Wir brauchen Politiker, die sich nicht zu schade für eine Dorfkirmes sind und die auch zwischen den Wahlen da sind und mit den Menschen Probleme diskutieren und lösen zu helfen. Das ist es, was ein Matthias Hey und eine Karola Stange vielen anderen voraus haben. In meinen Augen ist das auch ein Rezept gegen Populismus.

Politik und Demokratie heißt aber auch, nicht nur auf Politiker schauen, sondern Mitmachen und aktive Verantwortungsübernahme. Die vergangenen Kommunalwahlen in Thüringen oder auch Mecklenburg-Vorpommern zeigten, wie schwer es ist Kandidaten für ehrenamtliche Ämter in Gemeinderäten oder als Bürgermeister zu finden. In der vergangenen Kommunalwahl in Rheinland-Pfalz fehlten in 465 Orten Bürgermeisterkandidaten. Aber auch das passt in die hysterischen Diskussionen der Zeit. Von der Seitenlinie ist schnell geschrien, der Ton teils sehr verroht. Allein, die eigene Verantwortungsübernahme, sich um die täglichen Dinge eines Ortes zu kümmern, sich in komplexe Sachfragen einzuarbeiten und dann schwierige Entscheidungen zu treffen, immer weniger Menschen scheinen dazu bereit. Und es werden noch weniger werden, wenn Politiker und Kommunalpolitiker weiter massiv bedrängt oder gar mit dem Tode bedroht werden. Hier müssen wir uns klar positionieren, Grenzen ziehen und Courage zeigen.

Thüringen muss nun mit dem Wahlergebnis umgehen. Ich hoffe, dass wir schnell eine stabile und auf demokratischen Grundsätzen ruhende Landesregierung kriegen. Wir haben viele Probleme im Freistaat, die wir als Arbeiterwohlfahrt gern angehen würden. Wir können es uns nicht leisten, im Parteienstreit und Personalgeplänkel zu versinken. Mit unseren Ortsvereinen und Einrichtungen in den Regionen müssen wir weiterhin daran arbeiten, gesellschaftliches Miteinander zu organisieren und unsere Werte: Solidarität, Toleranz, Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit einzubringen.