Freiwilligendienste müssen nicht erzwungen, sondern besser aufgestellt werden

Vielleicht ist das Sommerloch eine Ursache. Vielleicht die Berichte über die schlimmen Übergriffe auf Rettungsdienste, Feuerwehr und Polizei. Vielleicht eine Kombination aus beidem. In Deutschland wird seit einigen Wochen vermehrt über Demokratieerziehung und einen verpflichtenden Dienst für das Gemeinwesen diskutiert.

Junge Menschen sollen im Jahr nach ihrem Schulabschluss dazu gebracht werden, über ihre Rechte und Pflichten gegenüber der Gesellschaft nachzudenken und selbst etwas zur „wehrhaften Demokratie“ beizutragen.

Doch wie viel Demokratie steckt in einem Dienst, der unter Zwang zustande kommt? Neuste Zahlen zeigen auch, dass es durchaus nicht an interessierten Freiwilligen mangelt, sondern eher an verfügbaren Plätzen.

Auch aus Sicht des AWO-Landesverbandes können wir das bestätigen. Die Nachfrage nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr ist ungebrochen. Lediglich die Zahlen der BFD für über 27jährige gehen weiter zurück, vermutlich eine Folge des jahrelangen Wirtschaftsaufschwunges, der auf dem Arbeitsmarkt eine sehr positive Entwicklung gebracht hat.

Insgesamt wurden seit dem letzten Jahr 253 Freiwillige im FSJ oder BFD vom Landesjugendwerk der AWO Thüringen betreut. Und auch für den Start ab September 2020 waren im Juli bereits 127 Stellen besetzt, wobei laufend neue Bewerbungen eintreffen.

FSJler bei einem Seminar des Landesjugendwerkes der AWO Thüringen

Thüringenweit gibt es noch viele freie Plätze vor allem in den Bereichen Kita, Jugendarbeit, Schule, Altenpflege und Krankenhaus. Darüber hinaus erfolgt die Besetzung über das gesamte Jahr. Es gibt keine Bewerbungsfristen. Freie Plätze finden sich immer aktuell über die Einsatzstellenbörse auf der Homepage des Landesjugendwerkes, dort kann man sich auch online bewerben.

Durch die Corona-Pandemie herrscht allerdings allerorten eine große Unsicherheit zu möglichen Freiwilligendiensten, da die Beschränkungen in sozialen Einrichtungen noch immer weitreichend sind. Die Freiwilligendienste der AWO Thüringen werden jedoch wie geplant angeboten.

Warum Freiwilligkeit für uns so wichtig ist

Zu einer gesunden Demokratie gehört das Recht auf Selbstbestimmung. Ein soziales Pflichtjahr, wie derzeit in einigen Kreisen vorgeschlagen, lehnen wir ab.

Wir haben in 20 Jahren pädagogischer Begleitung der Freiwilligendienstler die Erfahrung gemacht, dass junge Menschen ein großes Interesse daran haben, sich einzubringen und etwas Nützliches für andere zu tun. Wenn dieses Engagement zur Pflicht wird, kann das auch schnell in eine Abwehrhaltung umschlagen.

Darüber hinaus haben die jungen Menschen im sozialen Bereich eine besondere Verantwortung und lernen mit ihr umzugehen. Sie arbeiten mit Kindern, Kranken, mit Menschen mit Beeinträchtigung oder mit Menschen, die es in unserer Gesellschaft sichtlich schwerer haben als andere. Unter Zwang wird diese Rolle wahrscheinlich weniger gut wahrgenommen.

Mit einer bewussten Entscheidung für einen Freiwilligendienst gehen die Menschen mit einer anderen Motivation an ihre Aufgaben. Sie wollen erste Erfahrungen in der Arbeitswelt sammeln, erhoffen sich einen Wiedereinstieg oder wollen ganz konkret ausprobieren, ob ein sozialer Beruf für sie infrage kommt.

Viele machen überhaupt ihre ersten Erfahrungen darin, was es heißt, Verantwortung für andere zu tragen und uneigennützig für jemanden da zu sein. Auch der Blick über den Tellerrand wird geschärft, was wirkliche Hilfsbedürftigkeit bedeutet, wie schwer Armut, Alter und Diskriminierung in Schule, Beruf und Alltag auf den Betroffenen lasten. Auf der anderen Seite bekommen die Freiwilligen Wertschätzung für ihr Engagement durch Kollegen und Menschen, denen sie geholfen haben. Diese Erfahrungen haben eine enorme Wirkung auf das eigene Selbstbild und auch auf das Bild, das sie von ihrer Umwelt haben.

Sie brennen für die Sache und sehen ihr Wirken in den Einrichtungen und an sich selbst. Dazu dienen auch die Seminartage, die bei der AWO vom Landesjugendwerk geplant, organisiert und durchgeführt werden. Bei diesen Bildungsangeboten geht es nicht nur um fachliche Weiterbildung und berufliche Orientierung, sondern auch um persönliche Entwicklung und das Weitertragen der grundlegenden Werte unseres Landesverbandes wie Solidarität, Vielfalt und Gerechtigkeit.

Was bleibt vom Freiwilligendienst und für das Gemeinwohl?

Die innere Befriedigung, die Menschen aus diesem uneigennützigen Handeln haben, motiviert sie oft auch dann dabei zu bleiben, wenn der Freiwilligendienst endet. Ob im Haupt- oder im Ehrenamt, manchmal auch in kleinen Alltagssituationen, in denen sie sich für andere stark machen und ihnen eine Stütze sind.

Die Erfahrung der AWO Thüringen zeigen, dass sich viele Freiwilligendienstler teils über Jahre hinweg ehrenamtlich engagieren, nachdem sie den Freiwilligendienst abgeschlossen haben. Nicht selten bleiben sie der AWO erhalten, als Mitarbeiter oder als Ehrenamtliche – manchmal sogar beides.

Freiwilligendienste sind deshalb auch wichtige Pfeiler für die Mitarbeiterwerbung. Mach heutige Pflegedienstleitung, Pädagog*in oder Fachkraft hat einmal im BDF oder FSJ angefangen.

Was kann man deshalb tun, um diese Instrumente zu stärken und mehr Menschen für ein soziales Jahr zu begeistern?

Bessere Bedingungen für Freiwilligendienste

Nicht das angeblich mangelnde Engagement junger Menschen sollte auf den Prüfstand, sondern welchen Stellenwert Politik und Gesellschaft ihm einräumen.

Doch wie können diese Dienste durch Politik und Gesellschaft gestärkt werden, damit mehr Menschen die Möglichkeit nutzen, ein Freiwilligenjahr zu absolvieren? Das beginnt bei einem auskömmlichen Taschengeld für die Freiwilligen. Die derzeit festgelegten Sätze sind unserer Auffassung nach viel zu niedrig. Ohne die Möglichkeit, ein weiteres Jahr bei den Eltern zu wohnen, oder einen Partner, von dessen Einkommen die Familie lebt, wäre ein Freiwilligendienst für viele Menschen nicht machbar. Die kostenlose Nutzung des ÖPNV steht bundesweit bei Freiwilligen und Trägern schon lange auf der Wunschliste. Insbesondere im ländlich geprägten Thüringen ist das eine wichtige Forderung. Solche Vergünstigungen wären zudem ein Zeichen der gesellschaftlichen Wertschätzung.

Auch die finanzielle Belastung für die Einrichtungen dürfen nicht unterschätzt werden. Dabei genießt Thüringen sogar eine Sonderstellung, da durch das „Thüringenjahr“ seit 15 Jahren Gelder vom Land und des Europäischen Sozialfonds zur Verfügung stehen. Ohne diese Mittel würde vor allem Stellen in Kinderheimen, Kitas und offenen Jugendhäusern wegbrechen.

Es gibt also viele Stellschrauben, um mehr junge Menschen für einen Freiwilligendienst zu motivieren – eine Verpflichtung braucht es dafür nicht.